Vom E-Mail-Verteiler abmelden
Im Browser ansehen
 

Hallo ,

manchmal kommen richtig gute und verdammt schlechte Nachrichten fast zeitgleich ins Postfach, und ich weiß gar nicht: Soll ich mich freuen oder in Tränen ausbrechen, oder beides?

Gerade ist so etwas passiert:

  • Wir freuen uns riesig, dass nun auch FUNK (von ARD und ZDF) mit einem eigenen Mastodon-Server hilft, Alternativen zu den Big-Tech-Silos von Meta, X oder TikTok aufzubauen.
  • Save-Social-Unterstützer Martin Andree hat dagegen wieder das Internet vermessen - mit sehr ernüchternden Ergebnissen. Also zieh Dich warm an.
Das Internet ist tot 😓!
Buchcover "Vermessung der Digitalen Welt"

Wie frei ist das Internet wirklich, wieviel Meinungsbildung geschieht unabhängig vom Einfluss von Zuckerberg, Bezos, Musk & Co.?

Prof. Martin Andree hat zum zweiten Malden realen Verkehr im Internet gemessen. Wie oft werden welche Angebote genutzt? Wie viel Verkehr ziehen die Big-Tech-Monopole an, und wie schlagen sich die unabhängigen Anbieter im Netz?

Kurz zusammenfasst lautet das Fazit: Mehr Ungleichheit geht kaum. Im Interview berichtet Martin, was das für uns und unsere Demokratie bedeutet.

Save Social: Du hast den Internet-Verkehr schon 2019 vermessen: Damals war neben den Big-Tech-Monopolen vor allem: gar nichts. Ein Friedhof. Hat sich etwas geändert?

Martin Andree: In einer ganzheitlichen wissenschaftlichen Betrachtung muss man leider sagen: Nein. Der aussagekräftigste Wert ist der Gini-Koeffizient, weil er die Ungleichverteilung (und damit die Monopolisierung) für alle existierenden digitalen Angebote und alle Nutzer in einem einzigen Wert darstellt. Der Gini-Koeffizient liegt immer zwischen 0 (Gleichverteilung, alle haben gleich viel) und 1 (ein einziger Monopolist hat alles, alle anderen haben nichts). Der Wert betrug vor 6 Jahren haarsträubende 0,988, er ist jetzt quasi unverändert bei 0,987. Das belegt einerseits die Präzision der Messungen – zeigt aber auch, dass wir nach wie vor in einer vollständig durchmonopolisierten digitalen Welt leben.

Save Social: Was bedeuten Deine Ergebnisse für unsere Demokratie?

Martin Andree: Die digitale Öffentlichkeit wird von ganz wenigen Tech-Konzernen kontrolliert, die selbst wieder eine antidemokratische, rechtslibertäre Agenda verfolgen. Und die digitale Öffentlichkeit macht mittlerweile etwa 60% der gesamten massenmedialen Öffentlichkeit aus. Die Monopolisten bestimmen also immer mehr die politische Agenda unserer Demokratie. Wir sehen in den USA, dass dieselben Akteure systematisch weiter eigene Medienmacht und damit Meinungsmacht aufbauen (TikTok, Paramount, etc.). Und aktuell sind diese Akteure bei ihrer feindlichen Übernahme unserer Mediensystems weiterhin sehr erfolgreich.

Save Social: Was muss passieren, damit Big-Tech-ferne Alternativen eine Chance haben?

Bild: Florian Lechner

Martin Andree: Mein wissenschaftlicher Ansatz zeigt, dass es ein strategischer Fehler ist, für die Rettung der Demokratie nur auf der Angebotsseite zu handeln. Es ist eben wichtig, dass es nicht nur alternative Ansätze „gibt“, sondern dass diese überhaupt eine faire Chance haben, an Sichtbarkeit zu kommen. Meine Forschung zeigt, dass die Monopolisten dutzende Hebel haben, die Alternativen systematisch auszutrocknen.

Dafür liefert die neue Studie übrigens sehr krasse Belege. Wir müssen also zugleich die digitale Bastille stürmen und faire Zugangschancen ermöglichen. Erst wenn man beide Seiten zusammendenkt (also: gute digitale Alternativen plus faire Zugänge), dann würde endlich ein Schuh draus, und wir könnten das Internet wieder für die Menschen zurückerobern.

Die Ergebnisse im Detail lassen sich im Buch "Vermessung des Internets" nachlesen (Campus-Verlag).

 
Es lebe das Internet! 🚀

Auf der anderen Seite (der "Angebotsseite", von der Martin Andree spricht) gibt es endlich Bewegung. Anfang Mai hat Save Social bereits mit vielen großen deutschen Stiftungen den Mastodon-Server stiftungen.social gestartet. Mittlerweile nutzen ihn 20 Stiftungen, weitere haben Interesse. Und die ersten haben bereits – wie die Körber-Stiftung – mehr als 1000 Follower und regen, interessierten Austausch mit der Community.

Nun hat ein weiterer Akteur seinen Server auf Mastodon gestartet: Das Angebot FUNK von ARD und ZDF, das sich vor allem an jüngere Nutzende richtet, hat seine eigene Infrastruktur scharf geschaltet.

Bild: Andreas Burkhardt

Auf der 2MR-Konferenz von Save Social Anfang Mai in Hamburg hatte FUNK-Programmgeschäftsführer Philipp Schild erläutert, warum offene Netzwerke auch für das junge Angebot immer wichtiger werden (hier geht´s zum gesamten Talk im Video).

Zum Start von funk.social.net hat er im Gespräch mit Jana Ballweber für das Medium-Magazin nun noch einmal klar gemacht, worum es geht:

"Uns ist es wichtig, in dieser Kultur eine Rolle zu spielen, in der Menschen versuchen, ein gemeinsames Universum für Inhalte zu schaffen, in dem die Regeln nicht von einer Instanz, einem großen Tech-Konzern gemacht werden, der bestimmt, welche Inhalte bei den Kunden ankommen – oder eben auch nicht ankommen."

FUNK habe im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen in den USA erlebt, dass "politische Inhalte bei Meta in der Reichweite gedrosselt wurden," sagt Schild. "Das hat uns bei manchen Inhalten einen Reichweitenverlust von 20 Prozent beschert" – ein starkes Argument dafür, mit eigener Infrastruktur die Regeln für die Verbreitung von FUNK-Inhalten selbst zu bestimmen:

"Es geht uns auch nicht darum, von Anfang an eine riesige Reichweite zu haben. Wir wollen auch ein Stück dazu beitragen, das Henne-Ei-Problem des Fediverse aufzulösen: Es ist zu wenig Content da, deswegen sind wenig Leute da. Und es sind relativ wenige Leute da, deswegen ist wenig Content da."

Willkommen, FUNK! Und herzlichen Glückwunsch an alle Beteiligten! Wir freuen uns sehr, auch weil Save Social in den vergangenen Wochen in Gesprächen mit Beteiligten von FUNK und SWR-X-Lab versucht hat, dazu beizutragen, dass dieser Schritt gelingt.

Wir wollen möglichstg viele Organisationen, Gruppen, Menschen auf alternative Netzwerke begleiten:

Können wir Euch dabei unterstützen? Dann melde Dich gern!

 
Was kannst Du tun?

Save Social - Networks For Democracy ist für diese Arbeit auf Deine Unterstützung angewiesen. Es reicht nicht nur, neue Netzwerke zu stärken – wir brauchen auch endlich ernsthafte Bereitschaft von Ländern, Bund und Europäischer Union, den Big-Tech-Monopolen die rote Karte zu zeigen. Für diese Lobbyarbeit sind wir auf Deine Spenden angewiesen - am besten regelmäßig. Vielen DanK!

Jetzt spenden!

Unterstütze den Digital Independence Day: Am Sonntag, 5. Juli rufen wir wieder dazu auf, Big Tech den Rücken zu kehren und bessere Alternativen zu nutzen. Mach´ mit!

Danke für´s Lesen!

Björn

 

 

Save Social – Networks For Demcracy gUG

Emil-Andresen-Str.
22529 Hamburg
Deutschland

https://savesocial.eu/impressum/